Urbane Rekartografie ______________________________________________________________________________________________________________________

Home | 1989-1998 | 1999 - 2004 | Projekte | Vita | Kontakt | Impressum | Urbane Rekartografie

 

 

 

 

 

 

Berlin Tempelhof | 2014

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bitterfeld | 2004

 

 

 

 

 

 

Winterthur Kesselhaus

Sulzer-Areal | 2007

 

 

 

 

 

Burgberg Überlingen

Burgbergsiedlung in Überlingen | 2014

Urbane Rekartografie

Die »Urbane Rekartografie« ist eine künstlerische und wissenschaftliche Methode, um »Möglichkeitsräume« zu erforschen.

In der römischen Antike erwies sich das Pergament als ein kostbarer Stoff. Ebenso war dieser Schreibgrund Jahrhunderte später in den Klöstern des Mittelalters begehrt, wo die Mönche nicht nur Texte verfassten, sondern diese auch wieder löschten. So wurde manche Handschrift durch Abkratzen oder Abwischen, durch Radieren mit Bimsstein oder durch chemische Behandlungen mit Zitronensäure ihrer Spuren entledigt. Dieser Vorgang beschäftigte im Mai 1819 Angelo Mai, als er in der Vatikanischen Bibliothek die unbekannte Handschrift Ciceros "De re publica" entdeckte. Es handelte sich hierbei um eine in früheren Zeiten auf Pergament geschriebene Abfassung, die im Skriptorium der Abtei Bobbio nach dem Tilgen des ursprünglichen Textes wieder neu überschrieben wurde. Aus dem Palimpsest entstand ein "Codex rescriptus", ein Wiederbeschriebenes, und da es den Mönchen in Bobbio nicht gelungen war, den Ursprungstext vollkommen zu nivellieren, stießen die Spurensucher in Rom auf die Spuren dieser antiken Niederschrift. (1)

In der Regel erweisen sich städtische Grundstücke nicht weniger wertvoll als das Pergament im Mittelalter. Aus einer solchen Sicht findet man das Palimpsest auch im städtischen Raum. Bauliche Anlagen stehen leer, werden zwischengenutzt oder verschwinden durch Rückbau, um neuen Bauwerken oder Stadtteilen zu weichen. An dieser Stelle knüpft die Urbane Rekartografie an die Diskussionen der sechziger und siebziger Jahre an, die als „Krise der Stadt“ bezeichnet wurden und mit ihrer Beanstandung am Funktionalismus der Nachkriegszeit verknüpft waren. (2)
Später dann, im neuen Jahrtausend, mündete dieser Diskurs als neoliberale Variante in die Kommodifizierung aller Lebensbereiche unserer Gesellschaft ein. Während sich in der Zeit des Fordismus die Hoffnung der Menschen auf ein besseres Leben bezog, hat sich mittlerweile die Wetterlage geändert – nicht mehr Gleichheit, Freiheit und Solidarität, sondern Wettbewerb, Privatisierung und Deregulierung bestimmen heute in erster Linie die politische Agenda. Diese gesellschaftliche Transformation hat ihre Spuren nachweislich auch im öffentlichen Raum hinterlassen.

Bezogen auf die Stadt kann man den Stadtraum als ein Palimpsest betrachten, das immer wieder neu beschrieben wird und damit als Erinnerungsraum bzw. Speichermedium des Räumlichen zu verstehen ist. Zwar besitzen Orte kein immanentes Gedächtnis, doch sind sie für die Konstruktion kultureller Erinnerungsräume durchaus von Bedeutung. (3) Mehr noch, dort lassen sich die Spuren vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Möglichkeitsräume finden, die uns darüber Auskunft geben können, wie eine humane Gesellschaft geschaffen werden kann. So gesehen richtet sich der Fokus einer Urbanen Rekartografie auf die künstlerische und wissenschaftliche Analyse von Möglichkeitsräumen. Gemeint sind damit die realen und imaginären Orte, welche die Chance eröffnen, einen sozialen und lebenswerten Stadtraum zu gestalten.

Meine These lautet, dass sich jede materielle, konzeptuelle oder soziale Raumeinschreibung immer auch in medialer Weise ausdrückt. Folglich hinterlässt diese Art des Archivs ihre Spuren im Raum und beeinflusst damit dessen Gestaltung. Die mannigfaltigen Dokumente öffnen sich dem Beobachter in expliziter und in impliziter Form, so etwa in Stadtkarten, in Texten, in Bildern und in Erzählungen über die Stadt, in deren Räumen und Monumenten, aber auch in den Atmosphären, in unseren gefühlten Wahrnehmungen oder in unseren Träumen. (4)

Drei Beispiele mögen diese Methode veranschaulichen: das Projekt Bitterfeld-Wolfen (abgeschlossen 2004), das Projekt Sulzer-Areal Winterthur (abgeschlossen 2009) sowie das Projekt Burgberg Überlingen (begonnen 2014).

 

 


I. Region Bitterfeld-Wolfen (D 2004)
II. Sulzer-Areal Winterthur (CH 1989 - 2009)
III. Demonstrativbauvorhaben der Bundesrepublik Deutschland
„Burgberg Überlingen“ (D 1963 - 2017)

 

I. Projekt Bitterfeld-Wolfen
2004

Die ostdeutsche Region Bitterfeld-Wolfen war bereits im 19. Jahrhundert vom Braunkohleabbau geprägt. Neben dem Kohleabbau siedelten sich dort chemische Werke mit ausgedehnten industriellen Produktionsstätten an. Zu DDR-Zeiten schafften die volkseigenen Betriebe nicht nur Tausende von Arbeitsplätzen, sondern auch gewaltige Umweltprobleme. Nach dem Fall der Mauer folgte die Stilllegung zahlreicher Industrien.
Wie an vielen anderen Orten der ehemaligen DDR stieg nach der Schließung der Werke auch in Bitterfeld die Arbeitslosigkeit rasant an. Bedingt durch die Abwanderung von Fachkräften in die alten Bundesländer fand in Ostdeutschland ein ökonomischer und demografischer Schrumpfungsprozess statt. Der Leerstand von Wohnungen, welcher nicht selten mit einem teilweisen Rückbau der Stadtteile verbunden war, führte einerseits zu sozialen und ökonomischen Verwerfungen, andererseits aber auch auch zu neuen Gestaltungsspielräumen.

Mediale und künstlerische Intervention: Fotoessay, Arbeitstagebuch, Collagen und Zeichnungen.
Präsentation: der Ergebnisse im Jahre 2004 in der III Triennale zeitgenössischer Kunst Oberschwaben.
Literatur: Vgl. Hausmann, Scheutle, Kawai und Czerny: Zeitzonen - 3. Triennale zeitgenössischer Kunst; Berlin 2004.

 

II. Sulzer - Areal Winterthur
1989 – 2012

 

Das ehemals von der Metallindustrie geprägte Sulzer - Areal in Winterthur hat sich binnen der letzten 25 Jahre von einem Industriegebiet zu einem multifunktional durchmischten Raum mit Wohnungen, Freizeiteinrichtungen, Geschäften und Arbeitsplätzen entwickelt.
Bedeutende Architekten, Künstler und Politiker, so etwa Jean Nouvel, Adolf Muschg, Hans Kollhoff, Luigi Snozzi oder Johannes Voggenhuber, beteiligten sich am städtebaulichen Diskurs Winterthurs. Das Projekt stellt das Modell dieses nachhaltigen Stadtentwicklungsprozesses anhand zahlreicher Interviews, Karten, Bilder, Konzepte und Diskussionen vor und zeigt: Die Geschichte des ehemaligen Industriegebiets, das heute als eines der lebendigsten Quartiere der Stadt Winterthur gilt, ist auch eine Geschichte der Erzeugung von sozialen Möglichkeitsräumen.

Mediale und künstlerische Intervention: Fotografien, Collagen, Zeichnungen, Video.
Präsentation der Ergebnisse im Jahre 2006 in der Galerie der BBBank Karlsruhe.
Literatur: Krug, Hermann-Josef: Möglichkeitsräume gestalten – Eine urbane Rekartografie des Sulzer - Areals in Winterthur, Bielefeld 2012.

 

III: Aktuelles Projekt: Das Demonstrativbauvorhaben „Burgberg“ in Überlingen
1963 – 2018

 

In den 1960er und 1970er-Jahren bauten westdeutsche Kommunen mit finanzieller Unterstützung des Bundes zahlreiche Trabantenstädte, so etwa die vom Architekten und Stadtplaner Walter Gropius entworfene Gropiusstadt in Berlin oder die unter der Mitwirkung des Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich geplante Emmertsgrund-Siedlung in Heidelberg. Auch die Burgbergsiedlung in Überlingen gehört zu diesen spektakulären Stadtbauprojekten der Bundesrepublik Deutschland. Wie alle diese Projekte stand auch die Bebauung der Burgbergsiedlung unter der städteplanerischen Leitidee „Urbanität durch Dichte“.
Die empirische Untersuchung umfasst eine Chronologie der Entstehung des Areals und der damit verbundenen Wahrnehmung der Überlinger Bürger. Fotoessays und Quellenstudien in öffentlichen Archiven werden durch Interviews von Schlüsselpersonen und Bewohnern ergänzt.

 

Interviewpartner: Schlüsselpersonen der Planung und Bewohner der Kernstadt und der Trabantenstadt. Künstlerische Intervention: Fotos, Filme, Arbeitstagebücher. Präsentation: Ausstellung N. N. Veröffentlichung: Buch N. N.

______________________________________

1 Aus: Festvortag von Harald Weinrich: Vom Schreiben und anderen Wundern, anlässlich der Adelbert-von-Chamisso-Preisverleihung 2005, 17. Februar 2005, Robert Bosch Stiftung GmbH, Stuttgart.

2 Vgl. Schmid, Christian: Stadt, Raum und Gesellschaft; München 2005, S.31.

3 Vgl. Assmann, Aleida: Erinnerungsräume, München 1999.

3 Vgl. Krug, Hermann-Josef: Möglichkeitsräume gestalten, Bielefeld 2012.