saulgau

 

»Urbane Rekartografie« als künstlerische und wissenschaftliche Methode zur Erforschung von »Möglichkeitsräumen«

 

In der römischen Antike erwies sich das Pergament als ein kostbarer Stoff. Ebenso war dieser Schreibgrund Jahrhunderte später in den Klöstern des Mittelalters begehrt, wo die Mönche nicht nur Texte verfassten, sondern diese auch wieder löschten. So wurde manche Handschrift durch Abkratzen oder Abwischen, durch Radieren mit Bimsstein oder durch chemische Behandlungen mit Zitronensäure ihrer Spuren entledigt. Diesen Vorgang beschäftigte im Mai 1819 Angelo Mai, als er in der Vatikanischen Bibliothek die unbekannte Handschrift Ciceros "De re publica" entdeckte. Es handelte sich hierbei um eine in früheren Zeiten auf Pergament geschriebene Abfassung, die im Skriptorium der Abtei Bobbio nach dem Tilgen des ursprünglichen Textes wieder neu überschrieben wurde. Aus dem Palimpsest entstand ein "Codex rescriptus", ein Wiederbeschriebenes, und gerade weil es den Mönchen in Bobbio nicht gelungen war, den Ursprungstext vollkommen zu nivellieren, stießen die Spurensucher in Rom auf die Spuren dieser antiken Niederschrift.

In der Regel erweisen sich städtische Grundstücke nicht weniger wertvoll als das Pergament im Mittelalter. Aus einer solchen Sicht findet man das Palimpsest auch im städtischen Raum. Bauliche Anlagen stehen leer, sie werden zwischengenutzt oder verschwinden durch Rückbau, um neuen Bauwerken oder Stadtteilen zu weichen. An dieser Stelle knüpft die Urbane Rekartografie an die Diskussionen der sechziger und siebziger Jahre an, die als „Krise der Stadt“ bezeichnet wurden und mit ihrer Beanstandung am Funktionalismus der Nachkriegszeit verknüpft waren.

Mehr >>>>